Lernen und Lehren in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen 2020

Der herkömmliche Schulbetrieb geht davon aus, dass Aufträge genügen: die Lehrperson schafft an was zu lesen, schreiben, lernen sei und die Kinder lesen, schreiben, lernen.

In der herkömmlichen Schule wird selbstorganisiertes Lernen nicht vermittelt. Lehrer*innen geben nach einem vorgegebenen Lehrplan den zu lernenden Stoff vor und die Termine an denen dieser Stoff abgeprüft wird. Die kurzfristigen Konsequenzen für die Schüler*innen bei Nichterfüllen dieses Prozesses – den Lehrstoffes vorgetragen zu bekommen, die zugeteilten Aufgaben zu erledigen und das Faktenwissen bei den Prüfungsterminen zu reproduzieren – sind im Laufe des Schuljahres bessere oder schlechtere Noten. Langfristig bedeuten ein Versagen oder Verweigern bei dieser Art des Unterrichts den Schullaufbahnabbruch, demotivierte Menschen, Angst vor geistiger Anstrengung im weiteren Leben.

Dann kommt so ein Virus daher, die Schulen werden geschlossen und das Bildungsministerium verordnet E-Learning.

Die eine oder andere (Allgemeinbildende Höhere) Schule, die eine oder andere (Oberstufen-)Lehrer*in, mögen darauf vorbereitet gewesen sein, die meisten wahrscheinlich nicht. Erfahrungen mit dem Lehrbetrieb an den Universitäten zeigen, dass sogar Studierende damit überfordert sind, mit den Texten in den diversen Moodle-Plattformen und mit den Webinaren auf Jitsi und BlueButton zurechtzukommen.

Und die Pflichtschüler*innen?

Im Text auf der Ministeriumsseite www.bmbwf.at findet sich am 24.3.2020 für die Primarstufe und Sekundarstufe I (Volksschulen, NMS, AHS-Unterstufe, Sonderschulen) und ähnlich auch für die Sek II:

„Seit 16.3.2020 stehen die Volksschulen, NMS, AHS-Unterstufen und Sonderschulen nur mehr für jene Schülerinnen und Schüler offen, deren Eltern außer Haus erwerbstätig sein müssen und deren Kinder zuhause nicht betreut sind. Die Schulen sind angehalten, für ihre Klassen einheitliche Übungshefte zu erstellen und diese den Schülerinnen und Schülern mitzugeben. Diese Übungshefte werden auch von jenen Schülerinnen und Schülern bearbeitet, die zu Betreuungszwecken in der Schule verbleiben. Die Bearbeitung dieser Übungsmaterialien fließt – vergleichbar mit einer Hausübung oder Mitarbeit – in die Leistungsbeurteilung ein. Ziel ist, in dieser Überbrückungszeit den bisherigen Lernstoff zu vertiefen, es wird kein neuer Lernstoff durchgenommen.“ (Abrufdatum 24.3.2020)

Obwohl für die Schüler und Schülerinnen der Pflichtschulen nicht dezidiert verlangt, wird der/die eine oder andere Lehrer*in, die eine oder andere Schule auch in dieser Altersstufe vielleicht online Aufgaben stellen bzw. digital Lernaufträge erteilen.

Können die Kinder und Jugendlichen im Pflichtschulalter diese ministerielle Anordnung (siehe oben) überhaupt befolgen? Hat jede Person eines Haushalts einen Computer? Hat das WLAN ausreichend Kapazität? Ist der Download mittels Handy bald ausgeschöpft?

Abgesehen davon, ob die technischen Voraussetzungen gegeben sind, sollen die Schüler*innen nun Lernstrategien anwenden, die ihnen fremd sind. Von den Schüler*innen wird von einem Tag auf den anderen verlangt sich selbst zu organisieren, sich die Lern-Arbeit selbst einzuteilen, sich die Zeit einzuteilen. Solche Lernstrategien müssten aber vorher schon gelehrt worden sein. Nur wer sie jetzt schon beherrscht, kann sie anwenden. Minister und Bildungsdirektionen, die sich jetzt auf die Verordnung für digitale Grundbildung auf allen Schulstufen berufen sind fast zynisch zu nennen. Denn es sind jetzt nicht die digitalen Grund- (oder auch die fortgeschrittenen) Digitalkenntnisse an denen es mangelt.

Es mangelt – und das seit Langem – an der Erziehung und Anleitung zu selbstorganisiertem und selbstreguliertem Lernen. Die Freinetpädagogik versucht es seit vielen Jahren und es sollte, wenn Lehrer*innen und Kinder wieder real zusammen kommen dürfen auch ernsthaft evaluiert werden, wie sich freinet’sche Prinzipien bei Kindern in Zeiten der Quarantäne manifestiert haben (oder eben nicht).

Was soll aber in der Krise wirklich gelehrt und gelernt werden?

Aus meiner Sicht sind das:

  •  Die Möglichkeiten, sich seriöse Information zu beschaffen.
  •  Die Erledigung der Hausarbeit.
  •  Die soziale Interaktion innerhalb der Familie.
  •  Die soziale Interaktion mit Menschen zu denen derzeit kein direkter Kontakt möglich ist..
  •  Analoge Beschäftigungen, die Spaß machen.

Analoge Dinge sollten neue Bedeutung gewinnen, wie z. B.

  • das Wetter und die Umgebung beobachten …
  • Tiere vom Fenster /Balkon/Garten aus beobachten …
  • zuschauen, zuhören, miteinander spielen, malen, basteln, Tagebuch schreiben, musizieren, singen …
  • turnen und sich bewegen auch in der Wohnung …

Und ja – Kinder und Familien müssen sich ganz schnell darauf einstellen mit dem auszukommen, was in der Wohnung vorhanden ist.
Natürlich ist das enge Zusammenleben der Familienmitglieder auf engstem Raum und rund um die Uhr nicht einfach. Die Familien brauchen Unterstützung in dieser Ausnahmesituation und nicht noch zusätzlichen Stress durch die Schule. Die Vorgaben des Ministeriums und der Bildungsdirektionen sind eine Sache, das was die Lehrer*innen aber daraus machen eine andere! Leider schießen viele über’s Ziel hinaus!

Nähere Details können jederzeit bei den eigenen Töchtern und Söhnen mitverfolgt werden.

Auch diesbezüglich ist zu hoffen, dass Kinder und Jugendliche in Freinetklassen bzw. reformpädagogischen Klassen mehr gelernt haben als Kinder in herkömmlichen Schulklassen. Das bisher erfolgte Eintrainieren von demokratischem Verhalten, der Klassenrat als Medium für Wünsche und Anträge, das Reden über Konflikte und Kränkungen sollten jetzt auch in den Familien Früchte tragen.

Was können Kinder und Jugendliche beitragen/vermeiden wenn alle schon Lagerkoller haben?

Welchen Stellenwert haben die sozialen Medien wirklich?

Tauschen wir uns ernsthaft und empathisch aus?

Teilen wir unseren Freund*innen etwas Interessanten und Persönliches mit oder leiten wir nur mehr oder weniger lustige Memes weiter?
Wie organisieren wir den Haushalt in einer Zeit in der Schüler*innen zu Hause arbeiten müssen und für die Eltern Homeoffice gilt?
Bieten wir anderen Hilfe an und wie können wir diese organisieren?

Alle freinet’schen Techniken, wie freies Schreiben, Lernen in selbstorganisierten Projekten, selbstreguliertes Aneignen von Wissen, sich selbst Ziele zu setzen und Kreativität in jeder Hinsicht gehen über das Faktenwissen, das üblicherweise in der Schule so wichtig genommen wird hinaus.

Jetzt ist die Zeit dazu sich zu überlegen, was interessiert mich wirklich? Was macht mir Spaß? Was habe ich zu Hause und was kann ich damit tun?

Sogar das Dekanat der Uni schreibt:

„Die Umstellung auf Lehre und Lernen am Home-PC bringt für uns alle zahlreiche neue didaktische und technische Herausforderungen, deren Vor- und Nachteile sich in den kommenden Tagen und Wochen zeigen werden. Vielleicht können wir diese Phase auch dazu nützen, um die derzeit besonders hervortretenden Qualitäten und Stärken der Face-to Face-Lehre in Hörsälen und Seminarräumen à la longue mit E-Learning-Didaktik und entsprechenden Tools zu erweitern und zu unterstützen.“ (Sondernewsletter 03/2020)

Und ich füge (für die Pflichtschulen) hinzu: „… Sie (die E-Learning-Didaktik und deren Tools) ehrlich zu evaluieren und wieder einzuschränken.“ Bitte schicken wir unsere Kinder nicht unkritisch auf Facebook und youtube! Die digitale Kompetenz muss durch den Schlamassel angeregt, neu gedacht werden.

SOLIDARITÄT mit unseren Kindern und Jugendlichen und ELTENPROTEST gegen unzumutbare Forderungen von LehrerInnen und Bildungsministerium sind jetzt gefragt. Macht nicht mit bei der Forderung, dass die Qualität der Bearbeitung der Übungsmaterialien (!) in die Note einfließen soll! Zeugnis für das Schuljahr 19/20 für alle positiv und Aufsteigen in die nächst höhere Schulstufe ohne Stress.

Ingrid Schierer

(Obfrau des Vereins FreinÖ)
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ien, im März 2020